Papsttum & Päpste : Dialektik der Säkularisierung: Über Vernunft und Religion

Dialektik der Säkularisierung: Über Vernunft und Religion

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Verbindende Worte in postsäkularer Ungewissheit - Die Frage, aus welchen Quellen normative Setzungen im 21. Jahrhundert denn noch gespeist werden können bzw. ob staatsbürgerliche Solidarität in Zukunft überhaupt noch reproduziert werden kann (Habermas), lässt die Nachdenklichen bisweilen schwindlig werden. Habermas und Ratzinger plädieren in dieser einzigartigen Begegnung für wechselseitige Lernprozesse in Philosophie und Religion, deren heute nicht mehr universalisierbare Botschaften aus der Tiefe des Menschheitswissens ergebnisoffen schöpfen müssen, um identitätsstiftend und normierend wirksam zu werden. Dabei sollten der säkularisierten Gesellschaft die Inhalte der Religion so vermittelt werden, dass sie nicht nur für theologisch Vorgebildete verständlich sind, damit ihr normatives Potential sichtbar wird. Hierzu kann die autonome Vernunft einen Beitrag leisten. Ihre Möglichkeiten werden daher als zu religiöser Weltdeutung komplementär und nicht mehr im Widerspruch gesehen. Eine ermutigende kurze, aber dichte Lektüre für all jene, denen es nicht egal ist, ob es etwas gibt, was die Welt im innersten zusammenhält.

Sollte man mal gelesen haben... - Wer nach einem reflexiven Umgang mit Vernunft und Religion in der Moderne sucht, ist bei diesem Diskurs zwischen Ratzinger Habermas genau an der richtigen Stelle. Beide geben hier ein öffentliches Statement, welches sie im Rahmen eines Treffens an der Katholischen Akademie Bayern in München am 19. Januar 2004 gegeben haben. Dort disputieren sie unter anderem über folgende Fragen: In welcher Beziehung stehen Religion und Philosophie - Glaube und Vernunft, können sich beide gegenseitig befruchten und voneinander Lernen, noch dazu, können sie den Wirren und Verfehlungen der Moderne begegnen und Auswege zeigen? Ratzinger und Habermas meinen ja und dabei kommen einige interessante Antworten ans Licht, die Anstoss genug geben selber weiterzudenken. Aufgrund des Vermögens der Komplexität des Denkens beider, ist die Lektüre nicht unbedingt als Gute-Nacht-Lektüre zu empfehlen, aber dennoch unerlässlich für alle, die sich irgendwie über genannte Thematik den Kopf zerbrechen und in eine Diskussion über das Verhältnis von Religion und Philosophie einsteigen möchten.

Moralphilosophie und theologische Ethik der Moderne im Gespräch. - Gibt es ein ergreifenderes Thema als die Frage, wo Ethos und Moral in einer Welt bleiben, die alle Lebens- und Gefühlsbereiche einer radikalen Säkularisierung unterzieht und hohe Gefühle zu Kulissenstädten einer künstlichen Regiewelt der Mediengesellschaft macht. Habermas, der große philosophische Kommunikationsvernünftler, Ratzinger, das Fixgestirn am göttlichen Moralhimmel, diskutieren die Frage nach Gewissen und Ethik auf der Höhe ihres Denkens und ihrer Verantwortung. Dabei können die Gegensätze, die Dialektik zwischen beiden Personen, nicht größer sein. Das Buch ist ein gewagtes Unterfangen, eine hoch aktuelle Debatte von zwei Koriphäen ihres Metiers - wenn man das so sagen darf. Ein Buch, zu lesen spannend wie ein Krimi, aber auch so kontrastiv und nachdenklich, wie wenige andere, die sich diesem Thema widmen, auch dann, wenn man nicht immer oder nicht vollständig der Meinung des einen oder des anderen der hier Diskutierenden sein sollte.Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend, 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen, 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen, 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend, 1 Stern = abzuraten.

Aufklärung über Aufklärung - oder: Kant überwinden! - Der Ratzinger-Habermas-Dialog von Januar 2004 in München über das Thema Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates (derUntertitel des Büchleins heißt besser: Über Vernunft und Religion)offenbart den von Kant herkommenden Atheismus des Denkers Habermas ebenso wie seine späte Einsicht in die andauernde gesellschaftliche Relevanz religiöser Haltungen. Von Ratzinger dagegen, seit er Papst ist, weiß man nun auch in Philosophenkreisen, dass sein Denken und Schreiben immer schon um die Beziehung zwischen Vernunft und Glauben und Wahrheit kreist. Hier fordert er noch die Korrelationalität von Glauben und Vernunft. In seiner Regensburger Vorlesung vom 12. September 2006 ist daraus eine geradezu revolutionäre Offensive gegen das kantische Verständnis der menschlichen Vernunft geworden, das der Papst nun beschränkt nennt (anderswo spricht er von der amputierten Vernunft), und das er überwunden sehen will. Mit Recht. Wer nachprüft, wo die kantische Vernunftlehre wurzelt, wird im dogmatischen Materialismus fündig, dem die aufgeklärten Geister der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts alle huldigten. Kant insbesondere unternahm es ab 1755, gegen Newton (!), für den Gott und sein gegenwärtiges Wirken noch eine unausweichliche Tatsache (!) gewesen war, die Herkunft des Menschen, der Welt und des Kosmos einzig aus willkürlich erdachten Materieeigenschaften zu folgern. Das Resultat dieser überaus fragwürdigen und willkürlichen kantischen Spekulation war die gott-lose wissenschaftliche Vernunft der Moderne, die Jürgen Habermas detranszendentalisiert nennt - zustimmend, wohlgemerkt. Habermas erwähnt wie eine marginale Kuriosität die Frage eines Kollegen auf einer Teheraner Tagung, ob nicht die europäische Säkularisierung der eigentliche Sonderweg sei, der einer Korrektur bedürfe. Ratzinger greift das mit der Bemerkung auf, dass die säkulare Rationalität der westlich geformten Vernunft nicht in der ganzen Menschheit nachvollziehbar ist. An diesem heißesten Punkt der Debatte blieb vor nun drei Jahren leider offen, ob eine Korrektur des säkularen europäischen Sonderwegs um der Wahrheit willen geboten ist, und wie sie ggf. aussehen könnte. Nach der Regensburger Vorlesung weiß man heute: Es gilt, die kantische Lehre von der beschränkten Vernunft zu überwinden. Dazu muss man natürlich hinter Kant zurückgehen, der den falschen Weg wies. Bei Newton, dessen Naturphilosophie Kant materialistisch verballhornte, könnte fündig werden, wer die Weite der Vernunft sucht, die wiederzugewinnen Papst Benedikt XVI. in Regensburg vorerst nur allgemein, als frommen Wunsch, formulierte.




Dialektik der Säkularisierung: Über Vernunft und Religion